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Darmstädter Echo vom 18.06.2004 - von Dr. Michael Bartelt, Endokrinologe

Schach der Wohlstandskrankheit
Gefäßverengung mit tödlichen Folgen –
Ernährungsumstellung nach Low carb-Modell kann helfen

Herz-Kreislaufkrankheiten im Zusammenhang mit Arterienverkalkung (Arteriosklerose) halten seit Jahrzehnten einen traurigen Rekord in der Statistik der Todesursachen: mit 47 Prozent liegen sie weit vor allen Krebserkrankungen zusammen (25 Prozent) und "sonstigen Krankheiten“ (28 Prozent) – bei steigender Tendenz. Und immer jüngere Zeitgenossen erkranken an Arterienverkalkung.

Die Medizin hält High-Tech-Methoden bereit, um daraus entstehende Schäden zu reparieren. Inzwischen hat wohl jeder Verwandte oder Bekannte, die bereits Bekanntschaft mit Methoden der interventionellen Kardiologie und Angiologie gemacht haben: Herzkatheter, Ballondehnung verengter Adern (Dilatation), Auffräsung verstopfter Gefäßabschnitte, Absicherung der Rekanalisation mit Gefäßwandstützen (Stents) bis hin zur chirurgischen Umgehung von Gefäßengen mit Bypass).

Die Ökonomen im Gesundheitswesen sehen diese Entwicklung mit Sorge. Die Betroffenen – speziell die, die wiederholt von Gefäßkomplikationen heimgesucht wurden – sehnen sich nach einer Methode, die den Arterioskleroseprozess stoppt. Jeder weiß instinktiv: Reparaturen kommen immer zu spät, nur Vorbeugung hilft. Doch wie?

Standardempfehlungen zur Änderung des Lebensstils beinhalten den Aufruf zu mehr Bewegung und zur Ernährungsumstellung auf energiereduzierte Mischkost, kalorienarm, fettarm, dafür kohlenhydratreich. So lehren es Universitäten, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Kliniken, Rehabilitationszentren und Praxen mit Schwerpunkt Stoffwechsel/Diabetes. Das klappt jedoch selten.

Eine Weile üben sich die Klienten in Askese, aber auf längere Zeit, gar noch bei mäßigem Erfolg im Gewichtsverlauf und bei Ausbeute von lächerlichen zwei Prozentpunkten beim Cholesterin kehren sie bald zu alten Essgewohnheiten zurück.

In dieser festgefahrenen Situation ist ein neuer Ansatz überfällig, der aus Kenntnis der fehlgeleiteten Stoffwechselvorgänge heraus entwickelt werden muss.

Der stetige Zuwachs bei den Herz-Kreislaufkrankheiten ist keine Einzelerscheinung. In ebenso beunruhigenden Tempo steigt die Zahl der Übergewichtigen und Fettsüchtigen und die Zahl der Typ-2-Diabetiker (sogenannte "Altersdiabetiker“, man würde besser von Erwachsenendiabetikern sprechen).

Und zwar nicht gleichmäßig über die Welt verteilt, sondern vornehmlich da, wo der Wohlstand der reichen Industrieländer vorherrscht. Einen zentralen Ansatzpunkt zum Verständnis der Misere als hypothetisches Modell bietet die common-soil-Hypothese von Stern (1996).

Im Energiestoffwechsel spielt das Bauchspeicheldrüsenhormon Insulin als Verteiler eine zentrale Rolle. Zu seinen Aufgaben gehört es, Traubenzucker (Glucose, Blutzucker), wie er nach dem Essen bei der Aufspaltung von Kohlenhydraten (Stärke, Doppel-, Einfach- und Komplex-Zucker) im Verdauungsprozess anfällt, in die Muskelzellen einzuschleusen, wo er entweder unter Gewinnung von Arbeitsenergie verbrannt oder in Form von Glykogen (tierische Stärke) gespeichert wird.

Die in der Muskulatur und in der Leber befindlichen Stärkespeicher des Organismus haben begrenztes Fassungsvermögen, können knapp einen 24-Stundenbedarf speichern. Jedes „mehr“ an Glucose wird in Neutralfette/Triglyzeride – wiederum unter der stimulierenden Kontrolle von Insulin – umgewandelt und in die Fettdepots entsorgt.

Der Schlüsselreiz zur Insulinausschüttung ist der Blutzuckeranstieg nach einer kohlenhydrathaltigen Mahlzeit. Je höher der Blutzucker, desto größer die Insulinausschüttung. Und je höher der Insulinspiegel, desto rasanter die Fettsynthese. Kohlenhydratreiche Kost bei gedrosseltem Energieverbrauch – also bei Bewegungsmangel – macht dick.

Eine in stetigem Anwachsen begriffene Fraktion der Menschheit trägt in sich Gene, welche zum Typ-2-Diabetes veranlagen. Ihr muskuläres Zellgewebe zeigt verminderte Empfindlichkeit gegenüber dem zuckereinschleusenden Insulin. Diese Insulinresistenz kompensiert der Körper Jahre und Jahrzehnte lang durch überhöhte Insulinausschüttung (Hyperinsulinämie).

Am Fettgewebe, das keine Insulinresistenz kennt, läuft die insulinabhängige Fettsynthese bei diesen Menschen natürlich auf Hochtouren. Sie legen gewaltig an Gewicht zu, vornehmlich am Bauch. Am Ende der Entwicklung, wenn die erschöpfte Bauchspeicheldrüse kapituliert, kommt es zum Insulinmangel und zum Ausbruch der Zuckerkrankheit.

Jeder betroffene Genträger hat demnach vor Ausbruch seines Diabetes eine mehrere Jahre währende Vorlaufphase, in er mit vier Symptomen aufwartet, dem "tödlichen Quartett“:

  1. Gewichtszunahme, immer mit Bauchfettleibigkeit;
  2. Bluthochdruck;
  3. Fettstoffwechselstörung und
  4. Hyperinsulinämie (nur im Speziallabor feststellbar).

Insulin bremst die Natriumausscheidung in den Nieren, mit dem Natrium wird Wasser im Körper zurückgehalten, es kommt zur Überdehnung des Blutvolumens mit der Folge von Bluthochdruck, in ärgeren Fällen gar zur Wasserablagerung in den Beinen (Ödembildung).

Diese Stoffwechselentgleisung mit ihren vier Symptomen im Gefolge der Insulinresistenz nennt man Metabolisches Syndrom (MBS). Erwachsenendiabetes ist ein Spezialfall des MBS, nämlich sein Endzustand. Zu guter letzt: Hohe Blutfette – nicht nur Cholesterin, auch Triglyzeride – und Bluthochdruck sind neben dem Rauchen die klassischen Risikofaktoren der Arteriosklerose, deren Entwicklung in der prädiabetischen Vorphase unbemerkt voranschreitet.

Zwar hat es die Gene zur Insulinresistenz wahrscheinlich schon in der Steinzeit gegeben. Die Fähigkeit, Zucker an der Muskulatur vorbei in Fettdepots umzulenken, dürfte damals für ihre Träger sogar einen Überlebensvorteil dargestellt haben. In Fällen von Hungersnöten, die damals an der Tagesordnung waren, konnten sie von ihren Fettreserven zehren, als ihre schlankeren Zeitgenossen bereits verhungert waren.

Übermäßige Mast war zu jenen Zeiten sicher kein Problem, als der Mensch den ganzen Tag sammelnd und jagend – das heißt unter stetigem Verbrauch von Glucose – auf den Beinen war, um Nahrung heranzuschaffen, und Kohlenhydrate nur in der natürlichen komplexen Form zur Verfügung standen, in der sie von der Natur angeliefert werden, hier ein Apfel, dort etwas Bienenhonig als Delikatesse oder ein gebackener Fladen aus grob geschroteter Gerste.

Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Heute wird der Stoffwechsel von Gesunden wie der von genetisch Kranken mit Kohlenhydrat-Konzentraten geradezu bombardiert. Statt der Rübe Kristallzucker, statt des Breis aus Schrot Back- und Teigwaren aus Auszugsmehl, kein Getränk ungesüßt, und das bei jeder Mahlzeit, bei jedem Snack.

Das kann der stabilste Organismus nur begrenzte Zeit aushalten. Das Eintrittsalter für Diabetes und Infarkt fällt infolgedessen kontinuierlich. Diese Entwicklung zeigt: Die Empfehlung zur kohlenhydratreichen Ernährung, sich an Lebensmitteln aus Kohlenhydrat-Raffinaden (Zucker und Auszugsmehl) beliebig sattzuessen, kann nicht gut gehen. Sie fixiert zumindest "Metaboliker“ immer tiefer in der Kohlenhydrat-Insulinfalle, erzeugt immer jüngere, immer dickere, immer kränkere Patienten.

Hilfe naht von Experimentatoren, deren Augenmerk zunächst vordergründig auf Gewichtsreduktion gerichtet war. Einleuchtend: Wer bei Kohlenhydratgemästeten die Hyperinsulinämie zu stoppen versteht, wird bei der großen Dunkelziffer von Übergewichtigen mit Metabolischem Syndrom frappierenden Erfolg haben, weil er den Zentralmechanismus des Übels außer Gefecht setzt.

Alle erfolgreichen "Meister der Gewichtsreduktion“ gründen ihre Ergebnisse über die Kontrolle der Insulinausschüttung: Atkins, USA, 1972; Montignac, Frankreich, 1987; Sears, USA, 1997; in Deutschland Worm, 2002 und 2004 – dessen Büchern oder Fernsehbeiträgen wird mancher Leser schon begegnet sein.

Die aus diesen Bemühungen entwickelte Ernährungsstrategie hat unter Schlagworten wie „Low carb“ (niedriger Kohlenhydratanteil), "Logi“ oder „Glyx“ (beides aus Low glycemic index, geringer Glykämie-Wert) längst den deutschen Gesundheitsmarkt erreicht.

Die Kontrolle über seine Insulinausschüttung gewinnt danach, wer blutzuckersteigernde "Stärkebomben“ aus seiner Ernährung streicht. Maß für den blutzuckersteigernden Effekt eines Lebensmittels ist sein glykämischer Index (GI). Er bezeichnet den relativen Blutzuckeranstieg nach Aufnahme des getesteten Lebensmittels in Vergleich zu reinem Traubenzucker (100 Prozent).

Zum Beispiel Weißbrot 95 Prozent – Pumpernickel 40 Prozent; Haushaltszucker 75 Prozent – Fruchtzucker 30 Prozent; Bratkartoffeln 95 Prozent – Hartweizennudeln 40 Prozent. Das Konzept beinhaltet Ernährung nach einer Liste, die nur Kohlenhydratspender mit niedrigem GI bis 50 Prozent aufführt, verzichtet weder auf Eiweiß noch auf hochwertige Omega-3-haltige Fette tierischen Ursprungs oder aus Ölsaat.

Vorteilhaft ist die Beachtung einer Trennregel, nach der Kohlenhydrate und Fett-Eiweißmahlzeiten zeitlich voneinander getrennt genossen werden. Kalorien- oder Fettpunktezählen findet nicht statt. Diese Ernährung kann man lebenslang beibehalten, ein zusätzliches Bewegungsprogramm vergrößert den Erfolg.

Wie sich zeigt, lassen sich mit der Methode bei gut kooperierenden Patienten auch beachtliche Gewichtserfolge erzielen. Vor allem aber kommt es in kürzester Zeit zur Normalisierung der MBS-typischen Fettstoffwechselstörung, bei Diabetikern sinkt der Bedarf an Insulin (beziehungsweise an Insulin freisetzenden Medikamenten) und es sinkt auch der Blutdruck, wenn er noch nicht fixiert ist.

Das qualifiziert diese Ernährungsrichtung als Basistherapie für alle Patienten mit Metabolischem Syndrom einschließlich Typ-2-Diabetes, nicht nur in der Primärprävention (Vermeidung arteriosklerotischer Komplikationen), sondern auch in der Sekundärprävention und Rehabilitation nach eingetretenem Ereignis, wenn eine Wiederholung vermieden werden soll.

Der Methode erweist sich als scharfes Schwert, das die komplexe Gesundheitsstörung an zentraler Stelle trifft. Schwingen muss diese Waffe jeder selbst. Sie ist ein Werkzeug für Aktivisten, die darauf erpicht sind, Probleme selbst in die Hand zu nehmen und zu aktiv mitzusteuern.

Es erscheint nur billig, allen Bedürftigen, Kandidaten wie bereits Erkrankten, die Chance zur Teilhabe an dieser Option zu ermöglichen. Krankenhäusern und Praxen, die sich schwerpunktmäßig mit der Behandlung von Arteriosklerotikern, Metabolikern und Diabetikern befassen, Instituten für interventionelle Kardiologie/ Angiologie (Herz- und Gefäßkrankheiten) stünde es gut zu Gesicht, ihre Klienten auf Wunsch mit der Methodik bekannt zu machen oder, wenn sie selbst nicht aktiv werden möchten, ihnen den Weg zur Teilhabe zu ebenen.

Auch die Krankenkassen, die von erfolgreicher Umstellung nur profitieren würden, wären gut beraten, aktiv mitzuhelfen. Denn viele unter den heute Betroffenen haben einfach nicht die Zeit abzuwarten, bis der Paradigmenwechsel von „Low fat“ zu „Low carb“ sich den langen Weg durch die Institutionen gebahnt haben und zur medizinischen Selbstverständlichkeit geworden sein wird.

Zuletzt aktualisiert 24.06.2004